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Schloß Dyck |
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Zur Geschichte von Schloß und Herrschaft Dyck
Karl Emsbach
Es ist eine ebenso bekannte wie triviale Tatsache, dass der Niederrhein mit keinen nennenswerten natürlichen Erhebungen gesegnet ist. Dieser Umstand hatte maßgeblichen Einfluss auf die Lage und den Typ des mittelalterlichen Burgenbaues. Während sich dem Adel in der Mitte und im Süden Deutschlands exponierte Berggipfel oder steile Flusstäler als geeignete Standorte anboten, mussten ihre Standesgenossen im nördlichen Rheinland andere Wege zur Sicherung ihrer Wohnsitze suchen. Sie praktizierten gewissermaßen die umgekehrte Methode: die Anlage der Burg in wasserreicher, sumpfiger und damit unzugänglicher Niederung.
Diesen Weg wählten auch die Urahnen des Dycker Herrengeschlechts, als sie vor vielleicht tausend Jahren - der genaue Zeitpunkt ist nicht bekannt - den Unterlauf des kleinen Kelzenberger Baches kurz vor seiner Einmündung in den Jüchener Bach aufstauten. In der Mitte der so gebildeten feuchten Niederung errichten sie eine "Motte", eine kleine künstliche Erhebung aus Erdreich. Diese erste bescheidene Anlage wurde nach und nach zunächst mit Wällen und Palisaden, später in Stein erweitert und ausgebaut. Die Entstehungsgeschichte der Burganlage ist in dem Wort Dyck, das etymologisch mit "Deich" verwandt ist, sehr sinnfällig festgehalten. Der Name "ter Dyck" ging auch auf das dort ansässige Dynastengeschlecht über, als dessen erster Vertreter ein Hermann von Dyck (in der latinisierten Schreibweise Hermannus de Dicco) um 1099 begegnet.
Wie in der Urkunde der Ersterwähnung, so sehen wir auch in den späteren Zeugnissen die Herren von Dyck vorzugsweise im Gefolge der Kölner Erzbischöfe. In jener Zeit sind Vertreter der Familie mehrfach bei Reichstagen und Königskrönungen anwesend. Danach folgte ein wirtschaftlicher Niedergang. Er drückte sich aus im Verlust des entlegeneren Streubesitzes, der im Norden bis in die Gegend von Krefeld bzw. Duisburg reichte. Dem gegenüber stand eine Konzentration des Besitzes im näheren Umfeld, dem später so genannten "Dycker Ländchen" mit den zwei Kirchdörfern Bedburdyck und Hemmerden.
Das 14. Jahrhundert war die Zeit der Ritter- und Landfriedensbünde, die teilweise nur als Vorwand für mehr oder minder ungezügeltes Raubrittertum dienten. Wie manche ihrer Standesgenossen versuchten auch die Herren von Dyck, auf diese Weise ihre Einkünfte zu verbessern. 1349 sah sich Konrad von Dyck genötigt, seine Herrschaft unter den Schutz Herzog Reinalds von Geldern zu stellen und als Lehen zu empfangen. Bereits damals muss Dyck eine Anlage von beachtlichem Ausmaß gewesen sein, denn es wird in dem entsprechenden Vertrag beschrieben als "Haus und Burg mit zwei Vorburgen".
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1394 starb das Geschlecht der Edelherren von Dyck im Mannesstamm aus. Auf dem Erbwege fielen Burg und Herrschaft an Johann von Reifferscheidt. Dieses nach der gleichnamigen Stammburg in der Eifel benannte Geschlecht besaß bereits die nahe gelegene Herrschaft Bedburg und sollte Dyck nahezu 600 Jahre lang bis in unsere Zeit hinein innehaben. In die Regierungszeit Johanns fällt ein für die Dycker Geschichte wichtiges Ereignis: Er stiftete 1401 das Kloster Sankt Nikolaus, eine Niederlassung von Franziskanern, das fortan als Grablege für die Mitglieder der herrschaftlichen Familie diente. Johanns gleichnamigem Sohn glückten zwei gewichtige territoriale Erwerbungen. 1445 erbte er die Herrschaft Alfter (bei Bonn), mit der unter anderem die bedeutende Würde eines kurkölnischen Erbmarschalls verbunden war. Zehn Jahre später erstritt er durch Schiedsspruch die in den Ardennen gelegene Grafschaft Salm, die mit rund 150 Quadratkilometer Fläche die Dycker Stammlande um gut das Zehnfache übertraf. Außerdem bedeutete sie einen enormen Prestigegewinn, denn mit ihr war der erbliche Grafentitel verbunden. Da diese Alt- oder Niedergrafschaft älter als die Grafschaft gleichen Namens in Lothringen war, führten die Familienangehörigen auf Dyck später den Ehrentitel "Altgraf". Rund hundert Jahre später, im Jahre 1588, wurde die Reihe der territorialen Zugewinne abgeschlossen mit dem Erwerb der kurkölnischen Unterherrschaft Hackenbroich. Die Symbole aller Ländereien sind vereinigt im Dycker Vollwappen: drei Rauten (Dyck), zwei Salme (Salm), Herzschild und Turnierkragen (Reifferscheidt), begleitet von den drei Löwen der Herrschaften Bedburg, Alfter und Hackenbroich.
1649, unmittelbar nach dem Ende des 30-jährigen Krieges, den die Herrschaft Dyck einigermaßen glimpflich überstanden hatte, erfolgte eine Teilung der Dynastie in zwei Linien. Dabei erlangte die ältere Linie mit den Herrschaften Salm, Bedburg, Reifferscheidt und Alfter den größeren Anteil. Graf Ernst Salentin, dem Ahnherrn der jüngeren Linie, blieben Dyck und Hackenbroich.
Ernst Salentin entfaltete sogleich eine rege Bautätigkeit. Seine geschichtliche Leistung bleibt ohne Zweifel der Neubau des Schlosses Dyck in den Jahren 1656 bis 1667 in der Gestalt, wie es sich im Prinzip bis heute präsentiert. Sein Neubau praktizierte konsequent den Übergang von der wehrhaften Burganlage zum repräsentativen Schloss. Beeindruckend ist bis heute die einheitliche Gesamtkonzeption mit vierflügeligem Hochschloss, dreiflügeliger innerer und zweiflügeliger äußerer Vorburg, alle einheitlich in Backstein errichtet und von jeweils einem eigenen Grabensystem umgeben. Bestechend ist, dass Ernst Salentin bei aller Homogenität nicht der Versuchung eines eintönigen Schematismus erlegen ist. Die Baukörper strahlen trotz innerer Verwandtschaft eine eigenständige Individualität aus. Dafür verantwortlich sind vor allem zwei Gründe. Zum einen folgt die Gesamtanlage in ihrer leichten Bogenform dem natürlichen Lauf des Kelzenberger Baches; andererseits hat der Bauherr Teile des Vorgängerbaues in den Neubau einbezogen. Deutlich sichtbar ist dies vor allem im so genannten Kapellenflügel des Hochschlosses, der sich durch die Mächtigkeit seiner Mauern und Fundamente deutlich von den übrigen Trakten unterscheidet. An dieser Stelle dürfen die ältesten, ins Hochmittelalter zurückreichenden Bauteile von Dyck vermutet werden.
Nachdem Graf Ernst Salentin die Gesamtkonzeption entwickelt und durchgesetzt hatte, blieb es seinen Nachfolgern des 18. Jahrhunderts vorbehalten, wichtige künstlerische Akzente zu setzen. In dieses Jahrhundert fallen beispielsweise der Bau des romantischen Brückenhäuschens, die prächtige Ausgestaltung der Schlosskapelle sowie der systematische Aufbau der verschiedenen Sammlungen. Zu nennen sind hier die berühmte Waffensammlung mit zuletzt über 1200 Einzelstücken, die Gemäldegalerie sowie die umfangreiche Bibliothek.
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Die herausragende Persönlichkeit unter den Schlossherren auf Dyck war zweifellos Graf Joseph (1773-1861), der seit seiner Standeserhöhung im Jahre 1816 den Fürstentitel führte. Nahezu sein halbes Leben war Joseph damit beschäftigt, sein kleines Land durch die schwierige kriegerische Zeit der französischen Besetzung sowie der anschließenden Eingliederung in die preußische Monarchie zu lavieren. Zwar ist es Joseph ebensowenig wie seinen anderen linksrheinischen Standesgenossen geglückt, die territoriale Souveränität zu bewahren, doch hat er zumindest den nicht unbeträchtlichen Grundbesitz ungeschmälert erhalten. Durch seine Studienjahre in Paris hat er nicht allein eine Affinität zur französischen Kultur entwickelt, sondern konnte sich auch der Gunst und Freundschaft Napoleons und anderer Größen erfreuen. Sein reges politisches Interesse ließ ihn auch in preußischer Zeit als langjähriges Mitglied des rheinischen Provinzial-Landtages und des preußischen Herrenhauses zu einer einflussreichen Persönlichkeit werden.
Seit 1803 war er in zweiter Ehe mit der schon arrivierten französischen Schriftstellerin Constance de Théis verheiratet, deren literarische Salons in Paris und Dyck legendären Ruf genossen. Alexandre Dumas, Lord Byron, Alexander von Humboldt, Luigi Cherubini und zahlreiche andere Künstler, Wissenschaftler und Politiker zählten Joseph und Constance zu ihren Stammgästen.
Trotz seiner unbestreitbaren staatsmännischen Qualitäten beruht die bleibende Bedeutung von Fürst Joseph - zumindest was Schloss Dyck betrifft - auf einem anderen Talent. Von früher Jugend an fesselte ihn das Interesse an der Botanik, eine Leidenschaft, die er von der Liebhaberei zur akribischen wissenschaftlichen Forschung entwickelte. Mit den botanischen Gärten der großen europäischen Metropolen pflegte er einen ebenso intensiven Austausch wie mit den führenden Gelehrten seiner Zeit. Als Verfasser mehrerer Fachwerke und als Entdecker verschiedener seltener Spezies hat er sich einen ausgezeichneten wissenschaftlichen Ruf erworben.
Der herrliche, rund 35 ha große Park um Schloss Dyck herum verdankt bis heute sein Aussehen dem persönlichen Gestaltungswillen von Fürst Joseph. Um 1810 begann er damit, den strengen Parterre - und Heckengarten im französischen Barockstil in einen offenen Landschaftspark englischen Zuschnitts umzuwandeln. Der Vorliebe Fürst Josephs für die Dendrologie verdankt der Park seine Einzigartigkeit, die ihn vor vielen ähnlichen Anlagen auszeichnet. Fürst Joseph ließ aus allen Winkeln der Erde seltene Bäume und Gehölze kommen und komponierte damit den Park nach seinen Idealvorstellungen. Noch heute kann man im Schlosspark rund 200 verschiedene Baum- und Straucharten bewundern; manche davon sind die ersten in Europa kultivierten überhaupt. Auch die wunderbaren Alleen, die rund um den Schlosspark angelegt sind, gehen auf Fürst Joseph zurück. Die bekannteste dürfte die rund 1100 Meter lange Edelkastanienallee zwischen dem Schloss und dem Nikolauskloster sein.
Auch die zwischen 1840 und 1860 auf dem Gelände des Nikolausklosters betriebene "Ackerbauschule", immerhin die erste derartige Anstalt im Rheinland, geht auf die Initiative des großen Botanikers zurück.
Mit dem Tod des Neffen und Nachfolgers Alfred im Jahre 1888 starb die jüngere Linie Salm-Reifferscheidt aus und es folgte die ältere Linie in der Herrschaft auf Schloss Dyck. Diese Linie hatte zur Franzosenzeit ihren linksrheinischen Besitz verloren und war zeitweise durch die in Württemberg gelegene Herrschaft Krautheim entschädigt worden. Deshalb nannte sich das Haus nun "Fürsten und Altgrafen zu Salm-Reifferscheidt-Dyck und Krautheim".
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Kurz vor der Jahrhundertwende gestaltete Fürst Alfred (d.J.) den Südflügel des Hochschlosses um mit dem Ziel, ihm eine repräsentative Wirkung zu verleihen. Deshalb verminderte der mit der Planung beauftragte Frankfurter Architekt W. Th. Schmid die Geschosszahl von drei auf zwei, womit es gelang, größere und höhere Räume zu schaffen. Der hofseitigen Partie des Flügels setzte er ein halbrundes risalitähnliches Treppenhaus vor, wodurch nicht nur mehr Platz im Innern, sondern auch ein ansprechenderes Entree geschaffen wurde.
In der Zeit des wirtschaftlichen Niederganges nach dem Ersten Weltkrieg, geprägt von Inflation und Weltwirtschaftskrise, fiel es vielen Adelsfamilien immer schwerer, ihre oft ausgedehnten Anlagen zu unterhalten. Dyck machte hier keine Ausnahme. Die Familie verlegte deshalb 1930 ihren ständigen Wohnsitz in das bescheidenere Schlösschen Alfter bei Bonn. Die Prunkräume im Hochschloss blieben aber bis 1939 der Öffentlichkeit weiter zugänglich. Eine Zeit lang diente das Schloss der im Exil lebenden spanischen Königsfamilie als Domizil.
Während des Zweiten Weltkrieges fungierte Schloss Dyck als Arsenal wertvollen Kulturgutes aus gefährdeten öffentlichen Museen und privaten Sammlungen. Das Vertrauen in die Abgeschiedenheit von Schloss Dyck hat sich nur mit viel Glück gerechtfertigt, denn eine Sprengbombe riss einen großen Spalt in den Südflügel, beschädigte Decken und Böden, verursachte aber nur geringe Verluste am Inventar.
Eine umfassende Renovierung des Schlosses erfolgte anlässlich der Rückverlegung des Familiensitzes von Alfter nach Dyck im Jahre 1961. Seit diesen Tagen sind zwei Räume des Hochschlosses mit der chinesischen Seiden- bzw. der goldgeprägten Ledertapete ausgestattet. Die beiden aus dem 18. Jahrhundert stammenden Teile zählen zugleich zu den herausragenden Einrichtungsstücken des Schlosses.
Der Umzug vermochte nicht zu verdecken, dass sich in Dyck eine Epochenwende abzeichnete. 1958 war Graf Franz Joseph verstorben, 1991 folgte ihm seine Witwe. Da aus der Ehe keine Söhne hervorgegangen sind, war damit die Familie Reifferscheidt - nach fast genau sechs Jahrhunderten ununterbrochener Herrschaft auf Schloss Dyck - im Mannesstamm ausgestorben.
In der Verantwortung vor dieser langen Tradition haben sich die Erben 1999 entschlossen, Schloss und Park Dyck in eine Stiftung einzubringen und damit den Erhalt dieses einmaligen Kulturgutes zu sichern. Außerdem ermöglicht die Arbeit der Stiftung, diese historisch bedeutende Anlage des Niederrheins einem breiten Publikum auch außerhalb der Region zugänglich zu machen. In dem "Zentrum für Gartenkunst und Landschaftskultur" erwächst dem großartigen Bauwerk eine neue Bestimmung und Epoche.
weitere Informationen: Stiftung Schloss Dyck
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