Plenum


Gestörte Landschaften – neue Landschaften – Visionen multifunktionaler Integration Prof. Dr. R. F. Hüttl
Rekultivierung von Abgrabungen Prof. C. Niemann-Delius
Rekultivierung der Nachabbaugelände unter besonderer Berücksichtigung des Braunkohlenbergbaues Prof. Dr. Wojciech Krzaklewski
Leitbilder für die rheinische Bördelandschaft Prof. Dr.-Ing. Joachim Thomas
Diskussionsbeitrag aus Sicht der drei REGIONALEN NRW 2002/2008/2010 Hans-Dieter Collinet

Vortrag 1


Gestörte Landschaften – neue Landschaften – Visionen multifunktionaler Integration

Prof. Dr. R. F. Hüttl (BTU Cottbus, Lehrstuhl für Bodenschutz und Rekultivierung)

Kurzfassung
Der Begriff der „Störung einer Landschaft“ kennzeichnet einen Vorgang, bei dem es zu vielfältigen und starken Veränderungen des Naturhaushaltes sowie der sozioökonomischen Strukturen einer Region kommt. Diese Veränderungen haben über den rein ökologischen Effekt hinaus Auswirkungen auf die Lebens- und Wirtschaftsbedingungen der betroffenen Menschen. Besonders gravierende Störungen des Naturhaushalts verursacht der Abbau von Bodenschätzen im Tagebaubetrieb. Als durch den Bergbau „gestörte Landschaften“ sind dabei nicht nur die unmittelbar durch den Tagebau selbst beeinflussten Abbaugebiete, sondern auch die durch die notwendige Grundwasserabsenkung tangierten Flächen zu zählen.

Durch die Rekultivierung wird versucht, nach Beendigung des Bergbaueingriffs auf den neu entstandenen Flächen nutzbare Systeme zu etablieren. Grundsätzlich orientiert sich die Zielstellung der Rekultivierung an der vor dem Eingriff vorhandenen Landschaftsnutzung. So steht in der Niederlausitz als einer bereits vor dem bergbaulichen Eingriff waldreichen Region die Etablierung von Waldstandorten im Vordergrund. Neben der Wiederherstellung von wirtschaftlich nutzbaren Flächen durch die Rekultivierung werden in jüngerer Zeit auch zunehmend Flächen für eine Renaturierung in dem Sinne der Einrichtung von Vorrangflächen für den Naturschutz vorgesehen. Oftmals handelt es sich dabei um Flächen, die der natürlichen Entwicklung im Rahmen einer freien Sukzession überlassen werden.

Somit werden an die neu entstehenden Flächen unterschiedliche und teilweise konkurrierende Nutzungsansprüche gestellt. Neben der land- und forstwirtschaftlichen Nutzung der ehemaligen Bergbaugebiete sind es häufig touristische Nutzungskonzepte, die bei der Planung der Rekultivierung zu integrieren sind. Beispielsweise werden in der Lausitz als Folge des Bergbaus in den kommenden Jahren bis zu 168 neue Seen entstehen, denen insbesondere Erholungsfunktionen für die städtische Bevölkerung der Region zugedacht werden. Weiterhin erfreut sich die jagdliche Nutzung der Bergbaufolgelandschaft, insbesondere der neu entstehenden Waldgebiete, einer zunehmenden Nachfrage. Da gleichzeitig auch von Seiten des Naturschutzes Ansprüche geltend gemacht werden, ist es von Bedeutung, integrierte Nutzungskonzepte zu erstellen, die multiple Funktionen auf einer Fläche vereinen können. Als ein Beispiel kann hier das im Lausitzer Revier unter Federführung des Lehrstuhls für Bodenschutz und Rekultivierung an der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus erprobte „Alley Cropping“ angeführt werden, dem es gelingt, land- und forstwirtschaftliche, naturschutzfachliche und energiewirtschaftliche Aspekte miteinander zu verzahnen.

An der BTU hat sich seit Beginn der 1990er Jahre mit der wissenschaftlichen Begleitung der Rekultivierung und Sanierung der umliegenden Tagebauflächen ein bedeutender, international anerkannter Forschungsschwerpunkt entwickelt. Mit verschiedenen grundlagen- und anwendungsbezogenen Forschungsprojekten wurden und werden einerseits die Entwicklung der unterschiedlich rekultivierten Kippenstandorte beobachtet, andererseits in enger Kooperation mit den bergbautreibenden Unternehmen der Region (Vattenfall Europe Mining & Generation sowie Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft) praxisnahe Verfahren zur Optimierung der Rekultivierungs- und Meliorierungsmaßnahmen wissenschaftlich begleitet.
Auf der Grundlage dieser Forschungsergebnisse und in Abstimmung mit den Bergbautreibenden werden neue Landnutzungskonzepte für die Bergbaufolgelandschaft entwickelt, die eine Integration ökologischer, ökonomischer und sozialer Nutzungsansprüche erlauben. Ein Beispiel ist die bereits erwähnte Integration von Naturschutzzielen in den Alley-Cropping-Versuchen. Eine noch junge Nutzungsvision für ganz bestimmte Kippenareale des Lausitzer Reviers ist der historisch verbriefte Anbau von Wein. Daneben unterstützt die BTU aber auch die Bemühungen der Internationalen Bauausstellung (IBA) Fürst-Pückler-Land, eine Inwertsetzung der Bergbaulandschaft durch eine insbesonders künstlerische bzw. kulturelle Hervorhebung ihrer Eigenarten z.B. in Form von Landart-Objekten zu erzielen.

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Vortrag 2


Rekultivierung von Abgrabungen

Prof. C. Niemann-Delius (RWTH Aachen, Institut für Bergbaukunde III)

Kurzfassung
Für Tagebau, der nicht unter Bergaufsicht steht, ist die Bezeichnung „Abgrabung“ üblich. Die wesentlichen Fördermineralien sind die sogenannten Steine und Erden. Umgangssprachlich werden jedoch auch häufig solche Tagebaue in den Begriff eingeschlossen, deren Förderung zwar rechtlich nicht das Kriterium des Grundeigentümerbergbaus erfüllen, die aber von der Art des Abbaus, den eingesetzten Betriebsmitteln und der Größe denen der Steine und Erden gleichen.

Ausgehend von der durchschnittlichen Größe der Einzelbetriebe, die gemessen an der jährlichen Fördermenge mit einigen 100.000 t im Vergleich zu Kohle- oder Metallerztagebauen gering ist, wird oft die übergeordnete nationale Bedeutung sowohl im wirtschaftlichen wie im raumbedeutenden ökologischen Sinne verkannt.

Mit einer verwertbaren Förderung von rund 800 Mio. t pro Jahr aus Abgrabungen übertreffen die mehr als 6000 Gewinnungsbetriebe die bundesweite Braunkohlenförderung um das mehr als Vierfache. Und selbst das Volumen der Massenbewegung von Abraum und Wertmineral dürfte immer noch ca. die Hälfte der aller Braunkohlentagebaue ausmachen. Wegen des Fehlens einer einheitlichen amtlichen statistischen Grundlage sind alle Angaben zu „Abgrabungen“ unscharf.

Die durch Tagebaue dieser Art in Anspruch genommenen Flächen machen weniger als 0,005 % der Fläche der Bundesrepublik aus. Dabei ist der häufig verwendete Ausdruck Flächenverbrauch insofern irreführend, als die Flächen nicht verbraucht, sondern nur - mehr oder weniger lange - vorübergehend für die Rohstoffgewinnung genutzt werden. Die in der Bundesrepublik notwendige, von den Unternehmen vor Beginn geplante und während und nach der Gewinnung systematisch betriebene Rekultivierung zeigt beachtliche Ergebnisse. Diese wird nicht zuletzt auch von Naturschutzverbänden anerkannt. Trotzdem kommt es regional und im Einzelfall immer wieder zu Konflikten bezüglich der Raumnutzung.

Je nach Art des Abbaus, Hang- und Hügelabbau, Abbau nach der Teufe oder flächenhafter Abbau, ergeben sich unterschiedliche Möglichkeiten für eine Rekultivierung. Gleiches gilt für Unterschiede zwischen Fest- oder Lockergesteinsabbau sowie Trocken- und Nassgewinnung. Dazu kommen die vielfältigen ökologischen, aber auch sozialen und ökonomischen Standortfaktoren. Wie die primären Nutzungsarten mit der Rohstoffgewinnung konkurrieren, so sind die verschiedenen Arten der Nachfolgenutzung nicht unbedingt gleichzeitig zu verwirklichen. Hier ist ebenso eine Abstimmung erforderlich; insbesondere, wenn gekoppelt mit der Gewinnung eine gezielte Wiederherrichtung der Folgenutzung vorausgehen soll.

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Vortrag 3


Rekultivierung der Nachabbaugelände unter besonderer Berücksichtigung des Braunkohlenbergbaues

Prof. Dr. Wojciech Krzaklewski (Universität Krakow, Katedra Ecologii Lasu)

Kurzfassung
Dargestellt werden Definitionen und ein kurzer Abriss der Rekultivierungsgeschichte in Polen, die wichtigsten Rechtsvorschriften, Bergbaugebiete und beanspruchte Flächen. Die Bodenklassifikationen, die in Polen bei der Rekultivierung zur Anwendung kommen, werden vorgestellt. Die Phasen der Rekultivierungstätigkeit sowie Rekultivierungsverfahren einschließlich der Aufforstungsmethoden (Methode der Pionierarten, biodynamische Methode, Methode der Zielbaumarten) werden charakterisiert.

Man schätzt, dass in der Nachkriegszeit bis 1998 durch den Steinkohlen-, Braunkohlen-, Versatzsand-, Kupfer-, Zink-, Bleierz- und Schwefelbergbau, die Steinbrüche, Zuschlagsstoff- und Bindemittelindustrie sowie Halden mit Asche von Kraftwerken eine Gesamtfläche von ca. 70.000 ha beansprucht wurde: davon ca. 60% landwirtschaftliche Nutzflächen, ca. 30 % Waldflächen und ca. 10 % sonstige Flächen. Bis heute wurden ca. 30.000 ha rekultiviert.

Bei der Landschaftsgestaltung auf Nachabbaugeländen sollte man ein Ökosystem anstreben, dessen Qualität über der des Ausgangszustands (vor der Landinanspruchnahme) liegt. Dieses Prinzip sollte als ein wichtiges Element der Bergbauindustrie gelten und demzufolge Rekultivierungsmaßnahmen und effektive Bewirtschaftung der Nachabbaugelände stark beeinflussen.

In Polen werden diese Grundsätze noch nicht befolgt. Die Rechtsvorschriften verlangen zwar bei der Definition der Rekultivierung die Wiederherstellung ursprünglicher Nutzwerte auf umgestalteten Geländen, präzisieren aber nicht die Bedeutung dieser Schlüsselwörter. Daher sollte Hauptaufgabe für die nächsten Jahre die Entwicklung maßgeblicher Kriterien in diesem Bereich sein.

In Anbetracht vorheriger Ausführungen wird es selbstverständlich, dass die Rekultivierungsmaßnahmen von spezialisierten Unternehmen unter Berücksichtigung der neuesten Errungenschaften und Lösungen in diesem Bereich durchzuführen sind, wobei für die Wahl entsprechender Verfahren und Methoden das zu verfolgende Hauptziel, d.h. die Gestaltung einer hohen Qualität der Hydro-, Boden- und Agrosysteme, entscheidend sein sollte. Nur diese Einstellung garantiert die Erzielung entsprechend hoher ökologischer und wirtschaftlicher Werte auf den zu rekultivierenden Nachabbaugeländen.

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Vortrag 4


Leitbilder für die rheinische Bördelandschaft

Prof. Dr.-Ing. Joachim Thomas (Bezirksregierung Münster, Obere Flurbereinigungsbehörde)

Kurzfassung
Die Landinanspruchnahme durch den übertägigen Abbau von Bodenschätzen und die anschließende Wiedernutzbarmachung stellt für alle Beteiligten, den Bergbautreibenden sowie die von dem Tagebau mittelbar oder unmittelbar betroffenen Menschen, eine große Herausforderung dar. Im rheinischen Braunkohlerevier wird die gesellschaftspolitische Akzeptanz maßgeblich davon bestimmt, ob bei der Wiedernutzbarmachung der ausgekohlten Flächen ein Ausgleich zwischen den vielfältigen Ansprüchen der unterschiedlichen Interessengruppen gelingt.

In dem Vortrag wird dargestellt, von welchen Parametern die Leitbilder für die Wiedernutzbarmachung in der rheinischen Bördelandschaft bestimmt werden; diese Leitbilder werden nämlich nicht nur von ökologischen Randbedingungen determiniert, sondern gleichermaßen von ökonomischen, sozialen und kulturellen. Die Verwirklichung dieser Leitbilder erfolgt im Rheinland traditionell über Flurbereinigungsverfahren. An Beispielen wird gezeigt, wie durch Flurbereinigung der Ausgleich von rechtlichen Ansprüchen gegenüber den Bergbautreibenden und vielfältigen öffentlichen Interessen bei der Wiedernutzbarmachung gelingt. Allgemeine Aspekte zur ,,Landschaftsentwicklung“ in der rheinischen Bördelandschaft schließen den Vortrag ab.

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Vortrag 5


Diskussionsbeitrag aus Sicht der drei REGIONALEN NRW 2002/2008/2010

Hans-Dieter Collinet (LMR im MSWKS NRW)

„Macht Euch die Erde untertan!“ und man möchte hinzufügen: Aber zerstört sie nicht!
Sind wir auf dem besten Holzweg dahin? In den letzten 150 Jahren, der letzten viertel Stunde eines 24 Stunden Tages im Vergleich der letzten 15 000 Jahre Menschheitsgeschichte, vom Neandertaler bis heute, sind wir zum geologischen Faktor geworden, eine messbare Größe in der Millionen Jahre währenden Erdgeschichte.
Es gibt keinen gewaltigeren Eingriff in den Naturhaushalt und das natürliche Oberflächengefüge wie den Braunkohletagebau, zumindest in unseren Breitengraden. Aber keine Sorge, ich bin nicht hierher gekommen, um eine zweite Garzweiler II – Diskussion zu starten. Ich gehe aus von dem, was beschlossen ist, aber ich möchte gleichwohl fragen: Was kommt danach, was kommt nach dem Tagebau? Kann die Planung dessen, was uns an Landschaft nach dem Tagebau zurückgegeben wird, nach unserem heutigen Erkenntnisstand wirklich befriedigen?